The Slave Ship, Part I

The Slave Ship, Part I. Das Sklavenschiff, Teil I. from Decadent Review on Vimeo.

Texttafel:

J.M.W. Turner

The Slave Ship, originally titled Slavers Throwing overboard the Dead and Dying—Typhoon coming on

Oil on canvas. 90.8 × 122.6 cm

Part I

Es ist nicht klar, wo das Meer anfängt und der Himmel aufhört.

Land ist jedenfalls keins in Sicht. Der Himmel spiegelt sich im Meer, das Meer läuft in den Himmel

Der Sturm kommt von links.

In der weißen Gischt, auf der verwischten Grenze zwischen Himmel und Meer

schlingert das Schiff mit gerefften Segeln, die Masten rot wie der Himmel.

Ein Lichtkegel, der von links ins Bild fällt, öffnet dem Schiff eine Passage durch den Sturm,

als stünde da irgendwo ein Leuchtturm, – ein Sog aus Wasser und Licht zieht das Schiff vorwärts.

Es wird sicher an einem Platz außerhalb des Bildes anlegen.

Das Bild besteht eigentlich nur aus verlaufenden Farben; keine geraden Linien,

keine Unterbrechungen.

Ein bekannter Schriftsteller hat vor dem großformatigen Ölgemälde einer

Meereslandschaft einmal gesagt, er fühle sich, als seien ihm die Augenlider

weggeschnitten. Man könne nicht wegschauen, es wäre uferlos, dringe in ihn ein.

Man vergisst den Rahmen, man vergisst zu blinzeln und versinkt im Bild.  Irgendwann beginnen die Wellen zu rauschen, die Wolken bewegen sich. Wer so lange auf das Meer schaut, bis der Rahmen verschwindet, hört auf, Betrachter zu sein.

Der Schrecken liegt hier im Detail:

Ein Anhaltspunkt innerhalb der entfesselten Elementargewalten, konkret, greifbar, faktisch, real und tödlich: Die Reste einer langgliedrigen Eisenkette an einem abgerissenen Bein, das aus dem tosenden Meer auftaucht. Fische nagen daran. Die Kannibalen sind weiß und hausen in Europa.

Zwischen den Ketten, braunen Armen und Beinen, findet man das Rot des Himmels  als hingetupfte Blutspritzer im Meer.

Das Rot des Sonnenuntergangs  und das Blut der zerfetzten Menschen sind aus dem Farbpigment  ‚Rose Madder’ gemischt, ein mattes violett-rotes Pigment, aus Übersee eingeschifft.

Mit diesem Pigment wurden auch die Röcke der englischen Soldaten des britischen Empire rot eingefärbt.

„Das ist kein Blut, das ist Rot“, hat Godard über eine Filmszene in „Weekend“ gesagt.

Das Farbfilmmaterial, das uns rot sehen lässt, ist aus eben der Industrie- und Kriegsgeschichte Europas hervorgegangen, die sein Film kritisch thematisiert. Ohne

zweiten Weltkrieg – kein Eastman Kodak Farbfilmsystem.

Und mit dem atlantischen Sklavenhandel entstand das erste Modell der modernen Logistik:

die platzsparende Stapelung der Waren, deren Standardisierung, Modularisierung, die Kostenreduktion in allen Gliedern der betriebswirtschaftlichen Kette.

Davon später mehr.

Texttafle: Fortsetzung folgt